Was Jan Delay und Disko No. 1 am Samstag bei „Stars am Strand“ auf die Beine stellen, ist schlichtweg grandios. Als der Hamburger gegen 20 Uhr in seinem unverkennbaren Bühnenlook vor die voll besetzten Ränge tritt, wartet hinter ihm ein großes Ensemble aus Gesang, Bläsern, Tasten und Rhythmusgruppe. Mit dem Auftakt „Hallo“ springt der Funke sofort über. Die Menge erhebt sich, feiert ausgelassen – und Delay trennt sich bereits nach wenigen Takten von seinem Jackett. Ein Auftakt, der unmissverständlich zeigt: Dieser Abend kennt kein langes Warmlaufen.
Delay sucht immer wieder den direkten Draht zu seinen Fans, plaudert, scherzt und nimmt sich selbst dabei nicht allzu ernst. Mehrere Konzertsommer lang habe ihn diese Jubiläumsreise anlässlich seines 25-jährigen Solo-Schaffens begleitet, erzählt er. Nun steht das letzte Kapitel an der Ostsee an. Seine Worte an die treuen Zuhörer und das langjährige musikalische Umfeld wirken aufrichtig und herzlich. Wenn er bemerkt, dass eine Ansage wieder einmal länger geraten ist, lässt er kurzerhand den nächsten Titel sprechen.
Alte Freunde, große Hits
Mit „Türlich, türlich“ beginnt der Abend endgültig zu kochen. Das Bo, alter Weggefährte aus Hamburger Hip-Hop-Zeiten, tritt ans Mikrofon und beschert der Show einen frühen Glanzpunkt. Gemeinsam mit Schmiddlfinga hatte er die eintreffenden Besucher bereits zuvor wirkungsvoll eingestimmt. Statt eines gewöhnlichen Starts wählte das Duo den Weg mitten durch die hinteren Zuschauerreihen – eine Überraschung, die sofort zündete.
Später wächst das Wiedersehen weiter: Denyo knüpft zusammen mit Delay an die gemeinsame Beginner-Vergangenheit an. Bei „Irgendwie, irgendwo, irgendwann“ und „Hammerhart“ begegnen sich frühe Erinnerungen und die Gegenwart der Arena. Auch Delays Solowerk bekommt reichlich Raum. „Klar“, „Sie kann nicht tanzen“, „Abschlussball“ und „Spaß“ gehören zur Auswahl; über „Wassermann“ lässt der Sänger kurzerhand die Zuhörer entscheiden.
Ein Entertainer unter Hochspannung
Stilistische Schubladen bleiben an diesem Abend geschlossen. Rap trifft auf federnde Reggae-Rhythmen, soulige Passagen und tanzbare Discoflächen; dazwischen blitzen vertraute Motive anderer Musiker auf. Delay steht keine Sekunde still. Er wechselt zwischen Gesang, Sprechgesang, Tanz und Percussion, gibt Bewegungen vor und zieht die komplette Formation über die Bühne. Sogar eine abrupte Pause wird zum gemeinsamen Spiel: Auf sein Zeichen verharrt die gesamte Arena. Gerade diese spontane Verbindung zwischen Künstler und Menge trägt die Show.
Den kräftigen Unterbau liefert eine glänzend aufgelegte Band. Besonders die Bläser treiben die Arrangements mit scharfen Akzenten voran und machen den typischen Delay-Klang unverwechselbar. Das Publikum setzt eigene Zeichen: Bei „Oh Jonny“ kreisen Stoff und Kleidung über den Köpfen, während „Für immer und Dich“ den Platz in ein funkelndes Lichterfeld verwandelt. Angesichts dieser Feierlaune verpasst Delay dem Ostseebad augenzwinkernd einen neuen Namen: „Diskodorfer Strand“.
Im Schlussspurt dreht das Konzert noch einmal kräftig auf. Elektronische Ausbrüche, Delays Bearbeitung von Deichkinds „Remmidemmi“, mehrere Rückkehrmomente, ein kompaktes Medley und „Eule“ halten die Feier auf höchstem Niveau. Mit „St. Pauli“ versammelt sich schließlich das gesamte Aufgebot auf der Bühne. Der Sänger würdigt Musiker und Helfer ausführlich, dann rückt die Konzertfamilie für ein Erinnerungsfoto zusammen. Sein Abschiedsgruß greift noch einmal den frisch erfundenen Ortsnamen auf.
Ein stärkeres Finale für diese lange Reise ist kaum vorstellbar. Selbst jenseits des Veranstaltungsgeländes verfolgen zahlreiche Menschen das Geschehen rings um die Seebrücke. Jan Delay zeigt eindrucksvoll, dass ein Vierteljahrhundert als Solokünstler seiner Energie nichts genommen hat. Laut, herzlich, überraschend und voller Spielfreude setzt dieser Auftritt einen Tournee-Schlusspunkt, der bei „Stars am Strand“ noch lange nachhallen dürfte.
